SZ: Inwiefern sind die Arbeitnehmer geschwächt? Die Arbeitslosigkeit in den USA ist niedriger als in Deutschland.
Sennett: Einer der Gründe, weshalb die Statistik so aussieht, ist die Tatsache, dass hier die beinahe 1,5 Millionen Menschen in den Gefängnissen nicht mitgerechnet werden, ebenso wenig wie jene, die nur Teilzeit arbeiten. So entsteht ein falsches Bild. Der entscheidende Punkt sind die Fertigkeiten: Ein Lehrer kann Ihnen sofort die Unterschiede zwischen dem Absolventen einer guten High School und einem deutschen Abiturienten sagen. Nach einer Faustregel brauchen High-School-Absolventen ein bis zwei Jahre, um zu ihren europäischen Altersgenossen aufschließen zu können. Weiter unten sieht es noch viel schlechter aus. Unsere Unternehmen haben zu wenig Anreize, ihre Mitarbeiter weiterzubilden. Die kaufen die Arbeit dort ein, wo sie sie finden können, sie investieren nicht in Mitarbeiter. 40- und 50-Jährige werden oft an den Rand gedrängt, weil sich niemand die Mühe macht, sie auf den neuesten Stand zu bringen. Das ist der Unterschied zwischen der amerikanischen und der japanischen Autoindustrie. Manchmal ärgere ich mich über Deutsche, die sich über die "Dummheit" der amerikanischen Arbeiter auslassen...